StuttgarTango Kolumne

 



Ein letztes Mal – Goodbye Johnny


Intensive Gefühle begleiten mich schon auf meinem Weg hin zu einem Abend mit Mario Adorf. Als Gast, als Zuschauer und Zuhörer, wollte ich mich dieses Mal auf einen Künstler einlassen. Auf diesen beeindruckenden Mann. Dieses charismatische, charaktervolle Wesen. Ihn fotografieren, ein Gespräch führen – so, wie ich es bereits viele Male mit den unterschiedlichsten Menschen gemacht habe. Dieses Mal wollte ich dringlicher Zuschauer sein, Zuhörer. Den Abend, diesen Mann in der Stille auf mich wirken lassen. Ein Abend auf Distanz. Nicht ahnend, wie tief mich gerade dieser Abend treffen sollte.


Da tritt er aus dem Dunkel hervor. Steht vor seinem begeisterten Publikum. Mit Din A4 Blätter in der Hand, die ihn weisen, anleiten sollen, sich und seine Gäste gekonnt durch den Abend zu navigieren. Hier und da kommt er ins Stocken, liest einige Passagen von seinen Blättern in der Hand ab. Andere rezitiert er frei. Insbesondere Szenen aus seiner längst vergangenen Zeit am Theater kommen dem 88jähigen Mario Adorf ganz leicht aus dem Gedächtnis. Aus dem Herzen. Ich schaue zu ihm auf und lausche.


Was ihn für mich umgibt ist schwer in Worte zu fassen. Doch es wird nicht mehr lange dauern und ich werde erkennen, was für ein ganz eigener Film sich sogleich für mich abspielen sollte.


Mario Adorf erzählt von „letzten Malen“. Seine Tour, welche den Namen „Zugabe“ trägt, keine Abschiedstour. Und doch, wie er selbst sagt, ein Abend, „ein letztes Mal mit ihnen“. Eine seltsame Traurigkeit, die sich über mich legt. Doch sie erdrückt mich nicht. Sie ist vielmehr leicht. Wie Federn, die sich sanft auf meinen Körper legen. Zärtlich. Vorsichtig. Liebevoll. Wärmend.


„Ich war in meinem Leben viele Male auf der schönen Insel Capri. Im letzten Sommer war ich auch dort und es hat sich herausgestellt, dass dieser letzte Aufenthalt in der Tat wunderbar war“, sinniert er. Adorf spricht von einem Erlebnis, welches ihn tief berührte. Sein letzter Aufenthalt in Capri. Befriedigender, intensiver. Glücklicher. „Er war fröhlicher, er war genauer. Er war wunderbar. Jedenfalls mehr noch, als die anderen Male, die vielen Male vorher“, erinnert er sich.


Welch Geschenk, Zeit zu genießen, sie zu erfühlen. Sie zutiefst zu verinnerlichen. Und doch, ich wünsch ihn mir noch oft auf Capri verweilend. Oft noch diese „letzten Male“ spürend.


Unwillkürlich denkt man über Zeit nach. Über die Möglichkeiten sich auf Situationen einzulassen. Man hat ja immer die Wahl. Man kann sie ziehen lassen, die Zeit. Lassen wir sie vorbeihuschen oder halten wir sie immer wieder mal an? Die Zeit. Sich in Gedanken verlierend. Genießend. Sie lassen sich so einfach in den Alltag einbauen. Diese Momente. Diese Gefühle. Diese Tiefe. Diese Sinnlichkeit. Besondere Momente erkennen. Sie auskosten. Ob fröhlich lachend oder in sich gekehrt, sich der Melancholie hingebend. Besondere Momente. Ich denke über sie nach. Es fallen mir so viele ein. So viele besondere Momente mit geliebten Menschen. Mit Freunden. Besondere Momente an besonderen Orten. Mal alleine, mal zu Zweit, mal mit vielen …


Mario Adorf erzählt aus Zeiten, die ich nicht kenne. Kriegszeiten. Diese Zeiten, in denen er sich oft einer Todesangst ausgesetzt fühlte. „In der Todesangst lernt man das Leben schätzen“, sagt er sanft. Hunger der plagt. Das täglich Brot alles andere als selbstverständlich.


Und da beginnt er, mein so ganz eigener Film. Meine Familiengeschichte, die sich in Berlin zu Kriegs- und Nachkriegszeiten abspielt. Ich sehe eine Scheibe Schwarzbrot in der Küche von Mama und Papa liegen. Beide Brotenden biegen sich vor Trockenheit bereits nach oben. Jetzt ist er gekommen, der Moment, in welchem das Stückchen Schwarzbrot meinem Papa besonders gut schmeckt. Ein bisschen Butter drauf. Fertig.


Alles was nun da oben auf der Bühne geschieht, all die Erzählungen – sie verknüpfen sich mit mir. Mit meinen Gedanken. Lassen ihn weiter laufen, meinen so ganz eigenen, persönlichen Film. Mit dem Schlusslied des abends ist es dann soweit. Meine Augen füllen sich, die Sicht auf die Dinge verschwimmt. Schwappt über. Der Abend, meine Erinnerungen, meine Liebe …  „Goodbye Johnny“. Ich weine.

 




Ein bisschen Extra-Selfie-Zeit



Es ist 12 Uhr am Mittag. Aufgestanden bin ich heute schon um 5.30 Uhr. Und das als Nachtmensch. Eigentlich geh ich vor 3 Uhr nicht ins Bett. Ich liebe diese sinnliche Zeit nach Mitternacht. Diese besondere Stille. Jetzt lässt es sich ganz wunderbar schreiben. Musik hören - Musik in deser Stille gehört, ein ganz besonderer Genuss. Melancholie begleitet mich ....


Es war also eine kurze Nacht. Und ein langer Weg. Über die Autobahn von Stuttgart nach Köln. Der Grund: "Merz gegen Merz", die neue achtteilige ZDF Comedyserie. Vorgestell - nun ja, in Köln.


Draußen ist es dunkel. So kenne ich die Welt nicht. Ein Sonnenaufgang – na, ja. Der fehlte heute natürlich irgendwie. Es regnet. Die Preview und das kurze Pressegespräch - gelaufen. Ich bin im Foyer des Hotels. Vor mir mein PC.  Ich warte auf meine Interviews. Meine Interviewpartner, die Schauspieler Annette Frier und Christoph Maria Herbst. Wie sie ticken, konnte man schon im Pressegespräch etwas ausloten. Mit dabei auch der Autor der Serie, Ralf Husmann sowie der Unterhaltungschef des ZDF Dr. Oliver Heidemann. Und natürlich jede Menge Medienvertreter.


Das Catering des ZDF verkürzt den Wartenden die Zeit. Insgesamt vier Stunden wird es dauern, bis ich in eines der Interviewzimmer geführt werden würde. Ich war schon einmal hier in Köln im Hotel 'Im Wasserturm'. Damals beim ZDF Pressetag. Meine Gesprächspartner, Anna Loos und Leonard Lansink.


Normalerweise nutze ich die Zeit zwischen den Interviews und geh raus in die City. Doch das Wetter heute macht es mir unmöglich. Ich bleib im Hotel. Es stürmt und regnet wie wild. Da hätte nicht mal 'Drei Wetter Taft' meine Haare zusammen halten können. Klar, es geht nicht um einen Modeauftritt. Vom Catwalk bin ich sowieso weit entfernt. Ich hab nicht die Körpergröße dazu. Die Körpermaße auch nicht. Aber das muss ich an dieser Stelle ja nicht unbedingt ausarbeiten.


Fürs Interview hab ich mich für ein Doppelinterview entschieden. Meine Überlegung – ein gewisser 'Drive' der doch entstehen müsste zwischen den beiden Akteuren als Antwortende und mir als Fragende. 'Drive' hatten wir. Alle drei. Oder soll ich sagen – alle sechs? Waren doch noch drei weitere Medienvertreter im Raum als ich ihn betrat. So wurden kräftig noch Abschluss-Selfies aufgenommen. Er mit ihr. Sie mit ihm. Die beiden mit dem einen. Und überhaupt. Irgendwie alle zusammen. Bis wir endlich sitzen vergehen noch ein paar Selfie-Minuten. Doch dann ist es soweit.


Neben mir Christoph Maria Herbst. Was für ein Mann. Ich muss schon sagen. Da schwappt schon was rüber. Von diesem Charme. Er sieht gut aus. Dunkel gekleidet, mit einem hellblauen Schal um den Hals gewickelt und der schwarz gerahmten Brille. Seine Augen fesseln mich. Ein interessanter Charakter. Dann diese Komik, die ihn irgendwie begleitet, ihn umgibt. Die man aber vielleicht auch einfach von ihm erwartet. Doch er erfüllt sie, die Erwartungen seines Gegenübers. Dabei ist er schlagfertig. Nichts ist gekünstelt. Nichts vorab durchdacht. Es sprudelt einfach aus ihm. Das ist etwas, was ihm mitgegeben wurde. Das hat er wohl in die Wiege gelegt bekommen, wie man so schön sagt. Neben Christoph Maria Herbst, und mir gegenüber, Annette Frier. Sympathisch, offen, nahbar. In jeder Sekunde authentisch. Eine tolle Frau. Stark und doch auch sensitiv. Annette Frier tanzt Tango Argentino. Für 'Müttermafia' hat sie extra ein paar Tangostunden genommen.  


Ich starte mit meinen Fragen die ich mir im Zuge meiner Recherche notiert habe. Mit dem Beginn des Gesprächs, schmeiß ich sie dann doch nochmal um. Ändere den Fragenablauf  und beginne mit dem Tango. Es war mir danach. Und ich dachte, es bot sich an. Zum 'Eisbrechen' waren sie jedenfalls nicht nötig. Wir hatten ja den 'Drive'.


„Ich glaube fast, dass jetzt eine Frage kommt, die sie heute vielleicht noch nicht gehört haben“, mein Intro.  „Auf jeden Fall nicht in so einem charmanten Akzent“, wirft Christoph Maria Herbst ein. Wo er zumindest recht hat – meine schwäbische Herkunft lässt sich weder verleugnen noch verbergen. So nahm es seinen Lauf, das schwäbisch geführte Interview. Fünfzehn gemeinsame Minuten hatten wir. Wir lachten, unterhielten uns, tauschten Informationen aus. Und, wir hatten natürlich noch: Ein bisschen Extra-Selfie-Zeit.


Danke für diese wundervolle Begegnung Christoph Maria Herbst und Annette Frier. It was a pleasure.


P.S.: Das Interview gibt es zeitlich passend zur Comedyserie

"Merz gegen Merz" läuft an Ostern im ZDF.    

 

 

   






Erlebnisse hinter Erlebtem

 

Zurück zu dem Zeitpunkt, als mein Magazin StuttgarTango das erste Mal 'On Air' ging. Angefangen hat es mit einem abgelehnten Bericht für ein Magazin. Ich berichte seit Jahren für verschiedene Zeitungsverlage. Heute hauptsächlich für den Stuttgarter Zeitungsverlag. Und: ich schreibe für euch/sie und für mich - in meinem Magazin.


Ich liebe meine Arbeit. Die Kommunikation, die Begegnung mit Menschen. Das Auseinandersetzen mit Geschichten, mit Biographien. Dieses Eintauchen in die Leben der anderen. Dabei ist es mir wichtig immer ehrlich zu sein. Ich bin nicht interessiert an Themen, die mir mein Gegenüber nicht erzählen mag. Reisserische Headlines gibt's bei mir nicht. Schon gar nicht, frei erfundene. Und doch reizt es mich natürlich, etwas von meinem Gegenüber zu erfahren. Etwas, was noch nicht die Kreise durch alle möglichen Medien gezogen hat.


Schon sind wir bei Film und Fernsehen angelangt. Hierfür schlägt mein Herz ebenfalls. Dabei meine ich das ganze Filmgeschäft. Meine Tochter, ebenfalls infiziert, betrachtet das Business rund um den Film von einem anderen Gesichtspunkt. Trotz Journalismusstudium befragt sie Schauspieler nicht, sie ist vielmehr Teil der Crew. Vor der Kamera. In den verschiedensten Produktionen, wie beispielsweise "Tatort Stuttgart".


Hinter die Kulissen schauen reizt. Gespräche mit Filmschaffenden, Akteuren, Machern, Schauspielern und Musikern. Musik. Ich bin mit dem Jazz aufgewachsen. Meine Tochter, by the way, ja irgendwie auch.


Ich liebe den Tango Argentino. Piazzolla. Diese Mischung zwischen Jazz und Klassik. Musik - welch berührende Zugabe des Lebens. 


Mein damals abgelehnter Bericht also: Er hatte mit dem Tango Argentino zu tun. War für ein Tangomagazin gedacht. Nicht der erste Bericht, den ich für das Magazin schrieb. Ich hatte eine feste Zusage, ja. Doch was heißt das schon in der heutigen Zeit. Der Tango – mein Tango. Eine Leidenschaft. Meine Leidenschaft. Mein Bericht. Ich wollte ihn nicht einfach fallen lassen.


Ich gründete mein Magazin. Der Name stand irgendwie sowieso schon fest. Vielleicht hab ich ihn mir erträumt.


Und jetzt auch noch eine Kolumne. Warum? Nun, ich denke, ich möchte mit meiner Kolumne meinem Magazin gerne ein persönlicheres Gesicht geben. Mein Gesicht. Meine Erlebnisse hinter dem Erlebten. Die Geschichte hinter den Geschichten. Etwas ungewohnt. Aber doch irgendwie auch reizvoll.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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